Das man in diesem Raum mitunter den besten Jazz der Stadt hören konnte, wussten wohl nur die Wenigsten. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag das wohl auch an der ungewöhnlichen Lage und an der Tatsache, dass es sich bei diesem Raum um eine Buchhandlung, eine sehr alte und urige Buchhandlung, handelte.
Der kleine Raum war an allen seinen Wänden mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, zugestellt. Die alten Regale aus dunkel gebeiztem Kirschholz waren an vielen Stellen schon abgenutzt, sodass man ihnen das Alter ansehen konnte. Aber sie verliehen dem Jazz aus diesem Lokal einen ganz besonderen Sound. Einen Sound, der die wenigen Glücklichen, die von dieser Quelle des guten Jazz überhaupt wussten, immer wieder in diese Bücherstube lockte. An jedem Mittwoch der Woche ab neun Uhr Abends trafen sich die talentiertesten Jazz-Musiker der Stadt zu einer Jam-Session in diesem Buchgeschäft an der Lower East side. In der Mitte spielten sie Saxophon, Trompete, Klavier und Schlagzeug. Das Kontrabass gab den Takt an und alle anderen folgten, wohin es auch immer gehen mochte.
Und die Hörer folgten den Musikern wohin sie wollten, oft bis spät in die Nacht. Im Sommer kam es daher manchmal vor, dass es schon wieder hell wurde und die Sonne über dem East River aufging, ehe die Gäste, das waren die Zuhörer eigentlich nicht mehr, da sie eine geschlossene Stammhörerschaft bildeten, den kleinen gemütlichen Buchladen verließen und die Jazzmusiker
in ihren verdienten Schlaf entließen.
Dann war es Zeit für den Inhaber dies Horts brillianter Jazzmusik, seinen Laden für ein paar Stunden zu schließen, bis die ersten Käufer kamen, in das East side Cabaret.
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Archiv für den September des Jahres 2008
East side Cabaret
9. September 2008 von MichaelWenn es endet
8. September 2008 von anniqueFrüher, wenn mein Magen wieder so unglaublich schmerzte, dass es mich auf die Knie gezwungen hätte, wenn ich es zugelassen hätte, dachte ich oft daran, mich dem Hunger hinzugeben und zu kapitulieren. Doch wenn ich dann von den Soldaten Sandwiches, belegt mit Käse und Erdnussbutter, in die Hände gedrückt bekam, fing ich wieder an zu hoffen. Ich brachte das Essen nach Hause zu meinen Geschwistern, die schon am Fenster standen und mich erwarteten. Oft trieb es mir Tränen in die Augen, wenn ich mit leeren Händen kam. Meine Mutter kümmerte sich, sie hatte während des Krieges in einer Fabrik gearbeitet, danach keinen Anschluss mehr gefunden. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft, wir hörten nichts von ihm, gaben aber die Hoffnung nicht auf. Ich arbeitete eine Zeit bei einem Bauern, verdiente zehn Mark im Monat. Das Geld musste ich bei meiner Mutter abgeben, sie kaufte Seife und Kleider für uns. Dann starb der Bauer. Ich fing bei einem Zahnarzt an, bekam zwanzig Mark im Monat. Auf dem Weg zur Arbeit kam ich immer an der Villa vorbei, in der die Offiziere wohnten. Einmal schnitten sie die Hecke, ich schaute sie an und sie schenkten mir eine Apfelsine und eine Tafel Schokolade. Manchmal bekam ich auch einen Donut, welchen ich ganz allein für mich behielt. Als ich eines Abends im Winter wieder an der Villa vorbeikam, stand einer der Offiziere draußen und rauchte eine Zigarre. Auf Englisch sprach er mich an, ich verstand nichts, lächelte aber. Er machte eine einladende Handbewegung auf das Haus zu und ich ließ mich darauf ein. Ich war wie geblendet, als wir die Empfangshalle betraten. Er wies auf eine Treppe, die hoch ins zweite Stockwerk führte. Ich folgte ihr und betrat den angrenzenden Raum. Es war ein schöner Raum, die Decke zierte Stuck und ein niedriger Kronleuchter. Ich konnte es kaum glauben, aber es gab sogar einen Spiegel. Es war ewig her seit ich mich das letzte Mal im Spiegel betrachtet hatte. Ich stellte mich davor, meine dunklen Haare waren zum Zopf gebunden, meine Strickjacke braun und die Wangen rosig. Er stellte sich hinter mich und begann meine Knöpfe aufzuknöpfen.Mein Herzschlag beschleunigte sich, bu-bumm,bu-bumm. Was hatte ich schon zu verlieren? Vielleicht würde für mich ja sogar etwas rausspringen. Ich verließ das Haus mit einer Dose Erdnussbutter, einem Stück Seife, 100 Mark und dem Gefühl, endlich etwas erreicht zu haben.
You’re a lucky guy
6. September 2008 von MichaelEr kam sich so unbedeutend vor in dieser Schlucht aus Wohnhäusern im Art Déco Stil. Auf der Straße schlichen nur ein paar wenige Autos vorbei, ganz anders als es sonst üblich war. Aber das lag wohl daran, dass es schon nach sieben Uhr abends war, die meisten Menschen zu Hause saßen, bei ihren Familien, und daran, dass es draußen einfach kalt war.
Der Winter hatte die Stadt im Griff und sie den Tag über mit einer dicken weißen Schicht aus Schnee überzogen.
Mit leisen Schritten ging er durch die Wohnhäuserschluchten, ohne ein Ziel zu haben. In seinem Kopf spielten Saxophone, Trompeten, Violinen, Kontrabässe und das Schlagzeug einen sanften Swingsound, den er vor sich her summte. Den Takt zu seinem Lied gab der knacksende Schnee unter seinen Schuhen an. Es war ein langsamer sanfter Takt der mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen auf den sich leerenden Straßen verbrachte, langsamer, ruhiger und auch melancholischer wurde.
Als er nun schließlich in die Morgan Street abbog, beschleunigte sich sein Schritt und der Takt wieder. Die Melancholie verflog und wich einer leichten Euphorie. Er näherte sich immer mehr dem Jazzklub. Dem Jazzklub, in dem er so viel Zeit wie nur möglich verbrachte, weil ihm die Musik so viel gab. Wo sie ihm Lebensfreude gab, Spaß und was für ihn das Wichtigste war: Wo sie ihn den harten Arbeitsalltag in der Fabrik, am Stadtrand vom Chicago der 1930er Jahre, vergessen ließ. So entfernte er sich immer mehr von seinem Arbeitsalltag und näherte sich dem Jazzklub, aus dem der Klang des Klaviers immer lauter und lauter wurde. Bis er schließlich vor dem Jazzklub stand.
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Ohne Titel 4
5. September 2008 von MichaelDas Spiegelbild der Bäume der anderen Seite verschmolz mit den Bäumen auf seiner Seite. Dieser Anblick verleitete ihn zum träumen.
Er legte seinen Kopf nach hinten und lehnte sich gleichzeitig mit ihm an die Fensterscheibe des Zuges. Er sah diese Bäume, die von der einen und die von der anderen Seite, die zusammen in einem großen gesamten Kunstwerk verschmolzen.
Die Zeit stand still und doch raste er mit einer unheimlichen Geschwindigkeit durch die Landschaft, vorbei an diesen Kunstwerken. Er genoß es. Als ob er mitten in einem riesigen, sich ständig wandelnden Kunstwerk befand.
Mit jedem Augenschlag aber endete eines dieser Kunstwerke und ein neues begann sich vor ihm abzuspielen.
Ihm wurde klar, dass sich vor ihm das Leben abspielte. Jedes dieser Kunstwerke war ein Lebensabschnitt. Und er befand sich mitten in einem dieser Abschnitte.
Er fühlte sich zeitlos.
Das Haus
3. September 2008 von MichaelUnweit eines idyllischen kleinen Bächleins lag dieses große Rotklinkerhaus. An der Stirnseite dieses altehrwürdigen Gebäudes besaß es genau drei Fenster auf der oberen Etage und zwei Fenster und eine Tür auf der unteren Etage. Auf der Rückseite besaß dieses alte Haus jeweils sechs Fenster auf dem oberen Geschoss und fünf Fenster und eine Tür auf dem unteren Geschoss. Das Dach des Hauses war leichte geschräget und geteert.
Umgeben war das Haus von vielen Büschen und Sträuchern, einigen Birken und Eichen.
Vor dem Rotklinkerhaus befand sich ein kopfsteingepflasterter Platz vor dem sich zudem ein kleiner Park befand. Dieses Pärkchen bestand nur aus einem befestigten Weg der eingefasst war von kleinwüchsigen Hecken und mitten durch einen Birkenhain führte. Im Sommer konnte sich, wer wollte, auf die schattige Bank in der Mitte dieses Pärkchens setzen und dem Rauschen der Birkenblätter lauschen. Die meisten Menschen allerdings, eilten nur vorbei um schnell über den Vorplatz durch das alte Haus auf den Bahnsteig zu gelangen. Dort wartete meist auch schon ein gurgelnder weinroter Dieselschienenbus der Deutschen Reichsbahn, um die Gehetzten in die nächste Stadt zu schaffen.