There is no art without intention. — Duke Ellington


Archiv für die Kategorie ‘Intermezzo’

Glanzlos

7. August 2010 von Michael

Da stand er nun. Mitten in diesem Raum, kahl, weiße Wände, zerlatschte alte dunkle Dielen und keine Zierleiste am Boden. Es war dunkel draußen, das konnte er sehen, durch die großen Fenster. Zwei Fenster zum öffnen, bevor man an der Luft war. Ganz hinten rechts an der Wand stand ein alter Holzstuhl, ebenfalls weiß, aber mit abblätternder Farbe. Darunter kam das dunkle braune Holz zum Vorschein.

Und das soll es nun also gewesen sein? Drei Jahre, acht Monate und vierzehn Tage. Davor war alles anders, nicht leichter, aber unbekümmerter.

An der Decke hing eine einzelne Glühbirne, nicht weiß sondern gelblich strahlend, in einer Fassung an einem langen weißen Stromkabel. Der Raum war kalt, der Atem aus seiner Nase verwandelte sich sogleich in aufsteigenden Rauch, doch er wirkte warm und heimelig. Ein paar Regale an der Wand, dazu einige schöne Bilder, Landschaftsmalerei, und ein Sessel zum sitzen. So stellte er sich diesen Raum vor. Als Bibliothek würde er sich vorzüglich eignen. Viel Licht zum Lesen, viel Platz zum Stellen. So viel Platz war ihm gänzlich neu. Noch vor einigen Tagen, da war alles gedrängt, eng, stickig, wahrlich ungemütlich. Und nun stand er auf einmal in diesem großen Raum, mit viel Platz und der Vorstellung, wie gemütlich es hier einmal werden könnte.

Im zweiten Raum stand schon ein Herd und ein paar Schränke hingen an der Wand. Nur die alte Tapete verriet, dass hier lange niemand mehr gewesen war. Im Gegensatz zur großen Bibliothek war dieser Raum länglicher, bot kaum Platz für einen Tisch mit zwei Stühlen. Doch viel mehr bedarf es hier auch nicht. Ein bisschen Kochen und gemütlich essen musste man hier nur können. Wenn es noch ein wenig Ablagefläche für ein paar Gartenkräuter gäbe, wäre er glücklich.

Die Zeit erschien ihm ewig, nahezu endlos, da kein Ende in Sicht war. Keine Möglichkeit, die Tage zu zählen, sich mit Durchhalteparolen zum Weitermachen anzutreiben. Und trotzdem hatte er es geschafft, hatte überlebt, es überlebt.

Der Flur erschien ihm endlos. Kaum war man durch die Eingangstür eingetreten, stand man in der Empfangshalle, so zumindest kam es ihm vor. Die Decke schien unerreichbar. Ging man dann an der Küche und dem Schlafzimmer rechts vorbei, so bog der Flur nach links und gab den Blick am Ende des Ganges direkt in den Salon frei. Links befand sich die große Bibliothek. An die Familie hatte er oft gedacht. An die Frau, noch ohne Kinder. In Gewissheit, in der Stadt auf ihn wartend. Die kurzen Briefe aus der Ferne waren wohl nur selten angekommen. Zurück bekam er nie welche. Aber er wusste, dass sie warten würde.

Der Salon war noch ein Stückchen großer als die Bibliothek. Doch im Gegensatz zu ihr waren die Wände an der Decke mit geschnörkeltem Stuck. Hinter den großen Fensterflügeln fand sich ein kleiner Balkon, umrahmt von einem verzierten Stahlgerüst, gerade breit genug für einen Stuhl. Er stellte sich vor, wie er am ersten warmen Frühlingstag auf dem weißen Holzstuhl aus der Bibliothek auf dem Balkon sitzen, den Vögeln beim Singen zuhören oder aber ein Buch lesen würde. Bei dem Gedanken wurde ihm glatt ein bisschen warm in der Brust.

Kalt war es in den Zelten immer gewesen. Und feucht. Es war eine Tortur, am Tag auf dem Feld, abends, wenn überhaupt möglich, in die Zelte, ein paar Stunden schlafen. Bis der Donner sie wieder weckte. Manchmal wünschte er, der Donner würde ihn nicht wecken. Er hatte keine Lust mehr gehabt. Eine Kugel in den Kopf und das wäre es gewesen. Doch er war zu feige, zu schwach, zu klug, zu nachsichtig. Jetzt freute er sich, dass er es nie getan hatte, dass es ihn nie getroffen hat.

Drei Jahre, acht Monate und vierzehn Tage später.
Er stellte seine Tasche mit den wenigen zerfetzten Kleidern auf den Boden. Im Kamin im Salon lagen einige Holzscheite, die darauf warteten, entfacht zu werden. Damit die Kälte endlich auszog. Nie wieder Kälte, nie wieder Enge, nie wieder Ungemütlichkeit, das hatte er sich bei der Ankunft geschworen. Es klopfte an der Eingangstür. Mit bedachten Schritten verließ er den Salon, folgte dem Flur, rechts an der Bibliothek vorbei, links am Schlafzimmer, an der Küche. Er öffnete die Tür. Dort stand ein Frau, mit Kind im Arm.

Seine Frau, nicht sein Kind.

Stadtleben

6. August 2010 von Michael

Wie verloren er sich in dieser Stadt vorkam. Überall um ihn herum scheinbar unendlich hohe Mauern aus Stahl und Beton und Glas, fast wie in einer tiefen Felsspalte. Und doch glitzerte und glänze es um ihn herum. Es schien taghell. Dort, wo er her kam war es nachts stockfinster. Lediglich die vereinzelten Straßenlaternen brachten etwas Licht ins Dunkle.
Um nicht weiter dieser Hilflosigkeit ausgeliefert zu sein, beschloss er in eines der zahlreichen gelben Taxis einzusteigen.
Wo genau es hingehen sollte? Ganz egal. Nur dahin, wo die Freiheit nicht so beklemmend ist. Der Taxifahrer grummelte in seinem lateinamerikanischen Akzent nur das Wort Bayside und fuhr dann wortlos Richtung Süden. Je weiter sie sich der Bayside näherten, desto dunkler wurde es um ihn herum. Wortwörtlich schien es ihm, dass sie der Nacht entgegen fuhren. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm jedoch, dass es schon lange Nacht ist.
Es erstaunte ihn, welche Macht doch von dieser Stadt ausging, wenn sie gar die Nacht ausblenden konnte. Bei dem Gedanken fuhr ihm ein kalter Schauer durch den Körper.

Am Zielort angekommen durchfuhr ihn erneut ein kalter Schauer. Dieses mal jedoch kam er von außen und nicht von innen. Ein frischer kühler Wind blies über die Straße. Welch ein Kontrast zur glänzenden Häuserschlucht. Hier konnte er über den Fluss auf die andere Seite blicken. Die hellen Strahler erleuchteten das gesamte Hafengebiet. Überall waren Container in allen erdenklichen Farben zu sehen. Durch dieses Labyrinth aus Containern huschten immer wieder großbeinige Fahrzeuge, die die großen Stahlkartons hin und her bugsierten. Ein interessantes Schauspiel.
Er erinnerte sich an seine Eindrücke aus der Stadt. Auch hier huschten kleine Menschen durch diese riesige Schlucht aus Stahl, Beton und Glas. Diese Stadt, das war ihm nun klar, war ein einziger Ameisenhaufen, in dem alle scheinbar ziellos umher irrten. Die Stadt war ihm unheimlich. Auf dem Land, da war alles geordnet. Hier in der Stadt, da herrscht das pure Chaos.

Moderne Welt

6. August 2010 von Michael

Moderne Welt, schnelle Hast durch die Zeit.

Keine Zeit. Ohne Rast.

Wiederkehr

8. November 2009 von Michael

Ich war gestern bei einem Fotografen. Für einen neuen Personalausweis brauchte ich Passbilder, die ich beim Fotografen machen lassen wollte. Also bin ich gestern Morgen in die Stadt gegangen und habe mich auf die Suche nach einem Fotografen begeben. In einer Straße, kurz vor dem großen Platz bin ich dann auch fündig geworden. In dem recht düsteren Schaufenster standen akkurat eingerahmte Portraits verschiedenster Menschen aufgereiht. Der Raum hinter dem Schaufenster, der Verkaufsraum sozusagen, bot ein ähnliches Bild. Nur wurden hier die unzähligen eingerahmten Bilder von diversen Stromsparlampen angestrahlt. Als Verkaufstresen diente eine alte Holzvitrine mit oben aufliegender Glasplatte. Ihrer Anmutung nach stammte sie aus den späten 60er oder frühen 70er Jahren. Vielleicht stand sie vorher bei einem Juwelier. Auf der Vitrine stand neben einer alten, historischen Papierschneidemaschine von Agfa eine alte Registrierkasse. Keine alte stählerne, sondern eine futuristisch Anmutende mit grüner Plastikverkleidung.

Ich stand nun also in diesem Laden, dessen Inneres schon verriet, dass hier ein alter und deshalb auch erfahrener Fotograf arbeitete. Nachdem ich dem zeitungslesenden Mann mein Anliegen geschildert hatte, führte er mich in das Studio. Das Studio war spärlich ausgestattet, eine Kamera samt Stativ, eine Leuchte für den Hintergrund und ein großer Blitz samt Softbox standen um einen weißen Klappstuhl herum. In der rechten Raumecke neben der Tür stand zudem noch ein Regal mit einigen fotografischen Utensilien, sowie ein modernerer Fotodrucker.

Ich sollte dann Platz nehmen auf dem Klappstuhl, der trotz seiner Einfachheit einen weichen Sitzbezug hatte. Mit klaren Anweisungen zur Haltung, Blickrichtung und Mimik brachte der Fotograf zügig drei sehr ansehnliche Portraitfotos von mir  auf die Speicherkarte seiner Kamera. Ich konnte mir von den Dreien eines aussuchen, dass ich dann in vierfacher Ausführung als Passfoto nach kurzer Zeit in Empfang nehmen konnte. Bevor er mir die Bilder aushändigte musste er sie jedoch erst noch zerschneiden, da der Fotodrucker die vier identischen Bilder auf einem Blatt ausgedruckt hatte. Mit schnellen und ebenso präzisen Schnitten zerteilte der Mann das Blatt in vier Teile und entfernte sorgfältig alles überschüssige Material.

Diese Präzision und diese Schnelligkeit stellten das Können und das Wissen über das Handwerk des Fotografen zweifelsfrei unter Beweis. Beeindruckt davon und berührt von der Atmosphäre in diesem kleinen Geschäft kam in mir ein Gefühl zurück, dass ich schon lange vermisst und aufgegeben hatte. Seit diesem gestrigen Tag spüre ich wieder das Verlangen, eine Kamera in der Hand zu halten und die Welt mit dem Blick durch den Sucher eben jener festzuhalten.

Melancholie des Herbst

26. Oktober 2009 von Michael

Tristess im Regen
Kälte auf der Haut
Wind im Gesicht

Wärme im Raum, Heizungsgeruch liegt in der Luft. Warmes gelbes Kerzenlicht legt sich wie ein Film über alles. Die Atmosphäre ist gemütlich, draußen unmenschlich.
Ein grauer Schleier umspannt das Draußen, macht es kalt, nass, ungemütlich, -unmenschlich.
Regentropfen klopfen an der Scheibe, bitten um Einlass. Doch es hindert sie eine Grenze, gemauert aus Ziegelsteinen. Durch Fenster aus Glas und Holz bittet man sie herein, sollen sie verbreiten eine Atmosphäre, die kalt ist, und nass und unmenschlich.