Jazz is not dead, it just smells funny. — Frank Zappa


Archiv für die Kategorie ‘ohne_titel’

Ohne Titel 6

9. Dezember 2008 von Michael

Jeden Tag fährt er mit dem Bus an der Universität vorbei. Der Mann in der Blüte seiner Jahre saß üblicherweise am Fenster in seinem braunen Cordjackett. Während der Fahrt sah er aus dem Fenster und beobachtet das Treiben auf und um die Straßen.
Jeden Tag, kurz hinter der Universität, fährt er an dem Friedhof vorbei. Aus dem Fenster sah er durch den Friedhofszaun und durch die blattlosen Büsche einen schwarzen marmorierten Grabstein. Den Grabstein der Frau Tetor.

Ihm war ganz und gar nicht bewusst, wer diese Frau Tetor war. Er kannte keinen Vornamen, keinen Geburtsnamen, nur ihren Familiennamen. Auch das war nicht sicher, war Tetor überhaupt der Name ihrer Familie? Hatte sie eine Familie? Er wusste nichts über die Unbekannte.
Ob er etwas über die Frau Tetor herausfinden konnte? Wenn gleich ihn so viele Fragen beschäftigten, der Bus fuhr einfach weiter und riss ihn aus den Gedanken.

Die Menschen auf den Straßen haben sich in ihre Zwiebelhäute aus Stoff gehüllt um der Kälte zu entkommen. Andere sind gar nicht erst nach draußen gekommen und daheim in ihren warmen Wohnungen geblieben. Dort trinken sie dann heißen Kakao und lesen gemütlich ein Buch.
Er hatte ein bisschen Mitleid mit den frierenden Menschen, denn er saß in dem beheizten Bus und musste nicht frieren. Sein Mitleid verpuffte allerdings schlagartig, wenn er aus dem Bus stieg um von der Haltestelle nach Hause zu gehen. Seine Füße schmerzten vor Kälte dank des eisigen Schnees unter seinen Schuhen.
Als er schließlich mit taubgefrorenen Füßen zu Hause ankam, ließ er sich nur noch in den Sessel im warmen Wohnzimmer fallen. Der Schnee und das Eis draußen schienen ihm seine Kraft geraubt zu haben. Um sich zu entspannen und neue Kräfte zu sammeln, schlug er die Zeitung des Tages auf und blätterte ein wenig in ihr.
Nichts Interessantes, nur das selbe jeden Tag. Auf der vorletzten Seite standen die Todesanzeigen, die er sonst nie beachtete. Und auch heute wollte er sie nicht beachten, doch ihm fiel eine Anzeige beim Umblättern ins Auge. Die Todesanzeige von Anneliese Tetor. Geboren am 17.3., gestorben am
10.3., nur eine Woche vor ihrem Geburtstag. Für einen kurzen Augenblick stieg Trauer in ihm empor. Es machte ihn traurig, dass die arme Frau Tetor nicht noch einmal ihren Geburtstag feiern konnte.
Wieder fiel ihm auf, dass er eigentlich nichts über die Unbekannte Frau wusste. Ob sie ihren Geburtstag überhaupt mit irgendjemandem hätte feiern wollen oder können? Wieder beschäftigten ihn Fragen und er konnte keine Antwort auf sie finden. Es frustrierte ihn. Zu gerne hätte er diese unbekannte Frau Tetor kennen gelernt. Sie hätten beide zusammen Kaffee trinken, Kuchen essen und sich unterhalten und kennenlernen können. Er spürte, wie er wütend wurde. Auf niemanden speziell, einfach nur blinde Wut erfasste ihn, weil er so vieles nicht mehr mit Anneliese Tetor erleben konnte.

Ein paar Tage später, am 17.3., stieg der Mann in der Blüte seiner Jahre in den Bus, fuhr bis zum Friedhof und legte einen Strauß Blumen auf das Grab der Anneliese Tetor, gestorben am 17.3.

Ohne Titel 5

10. September 2008 von Michael

Das Haar gab der bewegenden Luft nach. Es gab auch der Schwerkraft nach, denn es hing gerade nach unten. Wären die Haare kürzer gewesen, wäre es wohl niemandem aufgefallen. Doch die Haare gingen ihr normalerweise bis zur Schulter. Das Haar war blond, nicht sehr hell, aber auch nicht dunkel. Manchmal sahen ihr die Menschen auf der Straße nach, wenn sie an ihnen vorbei ging und sich ihr Haar, fast so wie jetzt, dem Wind beugte und mitschwang. Nur eben nicht kopfüber.
Die Menschen von den Straßen sehen ihr nun auch nicht mehr wegen ihrer Schönheit nach. Ihre Haut ist dafür nun viel zu blass. Man sieht ihr die Kälte an. Die Menschen von den Straßen würden sie sicher nicht beachten, vielleicht sogar wegsehen, wenn sie könnten.
Aber sie sehen nicht weg. Denn es fesselt sie, wie sie da nun kopfüber, mit ganz blasser Haut, vom Baum hängt. Die Straßenmenschen sehen sie gierig entsetzt an. Gierig mustern sie sie, obwohl sie nicht mehr so schön ist, wie sie es noch gestern gewesen war. Sie ist nicht mehr schön. Sie ist tot.

Ohne Titel 4

5. September 2008 von Michael

Das Spiegelbild der Bäume der anderen Seite verschmolz mit den Bäumen auf seiner Seite. Dieser Anblick verleitete ihn zum träumen.
Er legte seinen Kopf nach hinten und lehnte sich gleichzeitig mit ihm an die Fensterscheibe des Zuges. Er sah diese Bäume, die von der einen und die
von der anderen Seite, die zusammen in einem großen gesamten Kunstwerk, verschmolzen.
Die Zeit stand still und doch raste er mit einer unheimlichen Geschwindigkeit durch die Landschaft, vorbei an diesen Kunstwerken. Er genoß es. Als ob er mitten in einem riesigen, sich ständig wandelnden Kunstwerk befand.
Mit jedem Augenschlag aber endete eines dieser Kunstwerke und ein Neues begann sich vor ihm abzuspielen.
Ihm wurde klar, dass sich vor ihm das Leben abspielte. Jedes dieser Kunstwerke war ein Lebensabschnitt. Und er befand sich mitten in einem dieser Abschnitte.
Er fühlte sich zeitlos.

 

Ohne Titel 3

3. September 2008 von Michael

Kalt war es an diesem Tag nicht. Die Sonne schien kräftig vom hellblauen Himmel und wurde nur selten von ein paar Schleierwolken verdeckt. Ein leichter Westwind bewegte die von der Sonne erhitzte Luft gen Osten, vom Meer auf das Land und wieder auf das Meer. Mit ihr trieben auch die leichten Schleierwolken leise vom Meer über das Land wieder auf das Meer. Die trockenen Grashalme, zwischen den kräftig aufblühenden Heidepflanzen, wogen sich im Wind.
Der Boden war trocken und ausgelaugt. Der Wind hatte mit seiner Erosion die Nährstoffe aufgesaugt und sie über dem Meer wieder abgelassen. Schon lange war kein Regen mehr auf diesen öden Fleck Erde gefallen. Dennoch wuchsen in diesem Gebiet mit diesen widrigen Lebensbedingungen einige kleine Fichten.
Es würde nicht lange dauern, möglicherweise fünfzehn bis zwanzig Jahre, dann wird diesem Flecken Erde nicht mehr anzusehen sein, was passiert ist.
Vergangenes Leben wird durch Neues ersetz.

 

Ohne Titel 2

1. September 2008 von Michael

Diese Erfrischung kam ihm wie gerufen. Der frische Luftzug den der Ventilator ihm in sein Gesicht und um die Haare blies, brachte die dringend notwendige Erfrischung, nach der er sich schon, so kam es ihm zumindest vor, seit Stunden sehnte.
Er schloß die Augen und ließ die Welt, sich, für einen Moment, nicht mehr weiter drehen. Langsam hob er das Gesicht und sah mit geschlossenen Augen
direkt in die Sonne. Den Wind im Gesicht stellte er sich vor, wie er irgendwo am Meer stehen würde. Vor diesem azurblauen Ozean an einer Klippe aus blendend weißen Kreidefelsen. Das steppenartige Gras auf dem Felsen wog sich im Wind vom Meer. Er hörte das Meer rauschen, die rauschende Stille
des Meeres.
Doch schon bald setze sich die Welt wieder in Bewegung. Jäh wurde er aus
seinem Tagtraum gerissen, denn seine Mutter klopfte an der Tür. Staubsaugen wollte sie in seinem Zimmer. Die rauschende Stille. Er blickte aus dem Fenster, hinüber auf die kahlen Betonwände der Plattenbauten von Berlin Marzahn, und öffnete die Tür. Rauschende Stille.