Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen verdorbener werden. — Johann Wolfgang von Goethe


Geschichten getaggt mit ‘dunkel’

M.

6. Juni 2009 von Michael

M. Mittleres Alter, mittelgroß gewachsen, mildes Gesicht. Mit besonders viel Mitgefühl trat er den armen Menschen entgegen. Man könnte meinen, er sei ein mitfühlender Mensch. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ein Mensch.

Hinterhofgemeinschaften

16. April 2009 von Michael

Gemeinschaft, das kann so vieles heißen. Gemeinsamkeit, fast schon Gleichartigkeit der Protagonisten in diesem System der gegenseitigen Verehrung. Wenn eine Zweckgemeinschaft sich zusammen findet, dann nur um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Arbeitsgemeinschaften zum Beispiel erfüllen den Zweck der gemeinsamen Arbeit. Im Grunde sind alle Gemeinschaften nur Zweckgemeinschaften. Nicht aber die Hinterhofgemeinschaft. Sie entsteht aus einem Zwang heraus. Dem Zwang der dem Umstand zu verdanken ist, dass alle Balkone eines Wohnblocks zum Hinterhof ausgerichtet sind. Ein Zwang entsteht, die Protagonisten werden auf dem Hinterhof eingepfercht und aufeinander los gelassen. Da fallen dann Abfälle auf den Balkon des Nachbarn der eine Etage tiefer wohnt. Oder der Grillmief zieht nach oben ab und belastet die Nachbarn in den oberen Stockwerken. Und dann ist da noch die allgegenwärtige Präsenz der Überwachung durch die Protagonisten der Hinterhofgemeinschaft, die, getrieben durch ihre Neugierde, ständig und omnipräsent auf des Nachbarn Balkon gaffen.

So stellt sich nun heraus, dass auch die Hinterhofgemeinschaft eine Zweckgemeinschaft ist. Nämlich eine, die unter dem Zwang der gegenseitigen Gängelung und Belästigung dem Zwecke des bei Laune Haltens seiner Protagonisten dient.

Tag im Nebel

17. Januar 2009 von Michael

Tonnenschwer zogen die Nebelschwaden durch die Landschaft. Eine schwere Last drückt, der Nebel, das Gemüt in dieser finsteren Stunde. Unter dem Tor steht ein bleicher Mensch, erschrocken, eingeschüchtert, verstummt. Der Anblick, die Stimmung und die Atmosphäre die hier vorherrscht entzieht ihm jedes Fünkchen Lebensfreude.

Hinter dem Torbogen, ein großer Platz der nicht überblickt werden kann, weil der Nebel jede Weitsicht verhindert. Schützend verhüllend verdeckt und versteckt er alles, was das Ausmaß dieser Gräueltaten anzeigt. Das ist, was diese Angst ausmacht, die Ungewissheit der Gewissheit, was sich im Nebel verbirgt und entdeckt werden will, was schon längst bekannt und unbewusst geworden ist.

Downtown Chicago

5. Januar 2009 von Michael

Mit einer unglaublichen Ruhe fuhren er sie durch die dunkle Straßen des 1930er Chicago. Nur das orangefarbene Licht der Straßenlaternen erhellte die Umgebung. Das Fenster zu seiner Linken hatte er einen Spalt geöffnet damit der Rauch seiner Zigarette abziehen konnte. Es war ein frischer Abend im Herbst, der Abend des achtzehnten September. Die Uhr an seinem linken Arm zeigte sechs Uhr siebenundzwanzig am Abend.

Aus dem Radio schallte “I’ll never be free” von Louis Jordan & His Tympany Five und es versetzte ihn in eine wehmütige Stimmung. Er dachte an seine Frau und seine Tochter die vermutlich beide in diesem Augenblick zu Abend aßen. Und er dachte daran, wie er in ungefähr zwei Stunden nach Hause kommen würde, seiner Frau eine Kuss gab und ihr erzählte, dass es wieder so ein ganz normaler harter Tag gewesen sei. Mit keinem Wort wollte er ihr erzählen, was er gleich tun würde. Seine Frau wusste natürlich, in welchem Milieu er tätig war und sie konnte auch vermuten, was er dort den ganzen Tag über tat. Aber sie sprachen nie darüber. Er wollte seine Frau nicht belasten und sie wollte es gar nicht erst wissen. Für die Tochter ging der Vater jeden Tag in einer Fabrik arbeiten. Sie fand dies schon langweilig genug und fragte deshalb nicht weiter nach.

Alle drei Partner die mit ihm im Auto saßen hielten es wahrscheinlich ähnlich mit ihren Familien und ihrem Beruf. Es war eben einfach so.
Und so bog er nun nach rechts in die North Carpenter Street ein. Nach gut fünfzig Metern fuhr er den Wagen an die Seite, hielt an und schaltete den Motor und das Licht ab. Er schmiss noch schnell seinen Zigarettenstummel aus dem Fenster ehe er es schloss und mit den drei anderen Männern aus dem Wagen stieg. Sie sammelten sich um dann in den kleinen Laden auf der anderen Straßenseite zu gehen. Ihre Mäntel wehten im leichten Herbstwind.

Sie klopften nicht an, als sie den Laden betraten. Nur das Glöckchen über der Tür verriet ihre Ankunft. Und es verriet auch wieder ihr Verlassen. Nachdem einer der Männer den Blut verschmierten Baseballschläger in den Kofferraum geworfen hatte fuhren sie wieder los. Er fuhr noch alle Männer nach Hause, da sie alle in der Nachbarschaft wohnten. Schließlich kehrte auch er nach Hause. Die Uhr zeigte acht Uhr neunundzwanzig als er die Wohnungstür aufschloss.

Ohne Titel 6

9. Dezember 2008 von Michael

Jeden Tag fährt er mit dem Bus an der Universität vorbei. Der Mann in der Blüte seiner Jahre saß üblicherweise am Fenster in seinem braunen Cordjackett. Während der Fahrt sah er aus dem Fenster und beobachtet das Treiben auf und um die Straßen.
Jeden Tag, kurz hinter der Universität, fährt er an dem Friedhof vorbei. Aus dem Fenster sah er durch den Friedhofszaun und durch die blattlosen Büsche einen schwarzen marmorierten Grabstein. Den Grabstein der Frau Tetor.

Ihm war ganz und gar nicht bewusst, wer diese Frau Tetor war. Er kannte keinen Vornamen, keinen Geburtsnamen, nur ihren Familiennamen. Auch das war nicht sicher, war Tetor überhaupt der Name ihrer Familie? Hatte sie eine Familie? Er wusste nichts über die Unbekannte.
Ob er etwas über die Frau Tetor herausfinden konnte? Wenn gleich ihn so viele Fragen beschäftigten, der Bus fuhr einfach weiter und riss ihn aus den Gedanken.

Die Menschen auf den Straßen haben sich in ihre Zwiebelhäute aus Stoff gehüllt um der Kälte zu entkommen. Andere sind gar nicht erst nach draußen gekommen und daheim in ihren warmen Wohnungen geblieben. Dort trinken sie dann heißen Kakao und lesen gemütlich ein Buch.
Er hatte ein bisschen Mitleid mit den frierenden Menschen, denn er saß in dem beheizten Bus und musste nicht frieren. Sein Mitleid verpuffte allerdings schlagartig, wenn er aus dem Bus stieg um von der Haltestelle nach Hause zu gehen. Seine Füße schmerzten vor Kälte dank des eisigen Schnees unter seinen Schuhen.
Als er schließlich mit taubgefrorenen Füßen zu Hause ankam, ließ er sich nur noch in den Sessel im warmen Wohnzimmer fallen. Der Schnee und das Eis draußen schienen ihm seine Kraft geraubt zu haben. Um sich zu entspannen und neue Kräfte zu sammeln, schlug er die Zeitung des Tages auf und blätterte ein wenig in ihr.
Nichts Interessantes, nur das selbe jeden Tag. Auf der vorletzten Seite standen die Todesanzeigen, die er sonst nie beachtete. Und auch heute wollte er sie nicht beachten, doch ihm fiel eine Anzeige beim Umblättern ins Auge. Die Todesanzeige von Anneliese Tetor. Geboren am 17.3., gestorben am
10.3., nur eine Woche vor ihrem Geburtstag. Für einen kurzen Augenblick stieg Trauer in ihm empor. Es machte ihn traurig, dass die arme Frau Tetor nicht noch einmal ihren Geburtstag feiern konnte.
Wieder fiel ihm auf, dass er eigentlich nichts über die Unbekannte Frau wusste. Ob sie ihren Geburtstag überhaupt mit irgendjemandem hätte feiern wollen oder können? Wieder beschäftigten ihn Fragen und er konnte keine Antwort auf sie finden. Es frustrierte ihn. Zu gerne hätte er diese unbekannte Frau Tetor kennen gelernt. Sie hätten beide zusammen Kaffee trinken, Kuchen essen und sich unterhalten und kennenlernen können. Er spürte, wie er wütend wurde. Auf niemanden speziell, einfach nur blinde Wut erfasste ihn, weil er so vieles nicht mehr mit Anneliese Tetor erleben konnte.

Ein paar Tage später, am 17.3., stieg der Mann in der Blüte seiner Jahre in den Bus, fuhr bis zum Friedhof und legte einen Strauß Blumen auf das Grab der Anneliese Tetor, gestorben am 17.3.