Ein alter einsamer Mann stand dort an Deck dieses riesigen Dampfschiffs. Nebelschwaden, feiner Nieselregen und die kühle Morgenluft hingen schwer über dem Schiff.
Der Mann lehnte sich an die Reling und zog an seiner Pfeife. Kleine Rauchwolken stiegen empor und vereinigten sich mit dem Nebel.
Er ließ den Blick schweifen, hinaus in den Nebel, hörte wie sich das Schiff durch das Meer schob und dabei schwer schnaufte. Es herrschte eine bedrückende Stille.
Gemächlich drehte er sich um und ging ein Deck tiefer in seine Kabine. Erschöpft von der frischen Morgenluft sank er auf sein Bett.
Der alte Mann nahm ein in Leder gebundenes Buch, schlug es auf und begann darin zu lesen.
Jeden Tag eine Seite, ein Kapitel aus dem Tagebuch. Dem Tagebuch seiner Frau.
Geschichten getaggt mit »dunkel«
Alter Mann
30. September 2008 von MichaelStraßenleben Einführung
26. September 2008 von MichaelIch stehe gerne an meinem Fenster.
Ich lehne mich mit meinen Armen auf das mit alten Ornamenten bestickte Kissen und sehe aus dem Fenster. Man kann so viel entdecken, wenn man nur die Augen aufhält.
Das alte Foto an der Wand zeigt eine Szene in einer Pariser Straße. Es ist vergilbt und ich kenne die Herkunft des Fotos nicht. Von einem Flohmarkt habe ich es damals, ein sehr alter Herr hat es mir gegeben, als er mich mit meiner Praktica über den Flohmarkt schlendern sah.
Es ist erstaunlich, wie viel verschiedene Menschen es gibt. Fast scheint es so, als sei jeder Mensch ein Unikat. Aber das kann nicht sein, denn es gibt so viele falsche Menschen. Menschen, die andere imitieren oder sie kopieren. Doch ginge man nur nach dem Aussehen der Menschen so ist jeder ein
Unikat. Das erstaunt mich. Mir scheint, als gäbe es dafür auch keine wissenschaftliche Erklärung. Wenigstens fällt mir keine ein.
So sehe ich nun jedes mal, wenn ich aus dem Fenster sehe, so viele verschiedene Menschen und erfreue mich an der Vielfalt, die mir da geboten wird.
Alte Menschen, junge Menschen, sie alle laufen an meinem Fenster vorbei, über den Bürgersteig. Ich sehe sie manchmal hetzen, manchmal flanieren und schlendern. Dann sind sie entweder fröhlich, traurig, bedrückt, glücklich, beschwingt, kurz gesagt, ich kann alle Arten von Emotionen in ihnen sehen. Besonders schön ist es dann auch, wenn ich nicht bemerkt werde und sich die Leute nicht beobachtet fühlen. Dann erschrecken sie nicht und ändern blitzschnell ihren Ausdruck. Und mir bleibt ein wenig Zeit, um zu genießen, was ich sehe.
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Das Spielzeuggeschäft #2
24. September 2008 von MichaelEinige, die trotz allem ein wenig Achtung für die Schöpferin übrig hatten, erfreuten sich an den großen sowie kleinen Häuschen. Sie erfreuten sich auch an der Wärme, die in dem kleinen Geschäft herrschte, wenn sie sich im Winter, durchgefroren von den verschneiten Straßen Paris, hinein in den Laden flüchteten.
Dann tauchten sie ab in eine Welt, in der alles vollkommen und intakt ist. In der es keine menschliches Leid gab, keine Schmerzen, nur die pure Schönheit der Puppenhäuser. Der Puppenhausladen war für die Menschen eine Quelle der Zerstreuung. Eine sehr willkommener Brunnen der Ablenkung und Verdrängung in einer Welt voll Schmerz, Trauer und Missmut.
Die Besitzerin des Spielzeugladens kannte diese Welt nicht, denn sie lebte in ihren zwei kleinen Zimmerchen direkt über dem Laden. In völlliger Einsamkeit, ohne Kontakt zu anderen Menschen. Der einzige Kontakt, den sie zu Menschen hatte, waren ihre Kunden mit denen sie üblicherweise auch nicht viele Worte wechselte.
Mit ihren perfekten Puppenhäusern und den dazu gehörigen ebenso perfekten Teilen, bildete sie nur ihre eigene perfekte kleine Welt ab, denn die Erschafferin kannte gar keinen Schmerz und Einsamkeit.
Schmerz, dass bedeutete für die Besitzerin einzig und allein, keine Puppenhäuser mehr bauen zu können. Denn das war die einzige Passion der Schöpferin und alles, was ihr in ihrem Leben heilig war.
Einsamkeit, das bedeutete für sie nichts. Absolut nichts. Einsamkeit war kein Begriff für die Besitzerin des Spielzeuggeschäfts.
War. Jetzt ist es.
Ohne Titel 5
10. September 2008 von MichaelDas Haar gab der bewegenden Luft nach. Es gab auch der Schwerkraft nach, denn es hing gerade nach unten. Wären die Haare kürzer gewesen, wäre es wohl niemandem aufgefallen. Doch die Haare gingen ihr normalerweise bis zur Schulter. Das Haar war blond, nicht sehr hell, aber auch nicht dunkel. Manchmal sahen ihr die Menschen auf der Straße nach, wenn sie an ihnen vorbei ging und sich ihr Haar, fast so wie jetzt, dem Wind beugte und mitschwang. Nur eben nicht kopfüber.
Die Menschen von den Straßen sehen ihr nun auch nicht mehr wegen ihrer Schönheit nach. Ihre Haut ist dafür nun viel zu blass. Man sieht ihr die Kälte an. Die Menschen von den Straßen würden sie sicher nicht beachten, vielleicht sogar wegsehen, wenn sie könnten.
Aber sie sehen nicht weg. Denn es fesselt sie, wie sie da nun kopfüber, mit ganz blasser Haut, vom Baum hängt. Die Straßenmenschen sehen sie gierig entsetzt an. Gierig mustern sie sie, obwohl sie nicht mehr so schön ist, wie sie es noch gestern gewesen war. Sie ist nicht mehr schön. Sie ist tot.
You’re a lucky guy
6. September 2008 von MichaelEr kam sich so unbedeutend vor in dieser Schlucht aus Wohnhäusern im Art Déco Stil. Auf der Straße schlichen nur ein paar wenige Autos vorbei, ganz anders als es sonst üblich war. Aber das lag wohl daran, dass es schon nach sieben Uhr abends war, die meisten Menschen zu Hause saßen, bei ihren Familien, und daran, dass es draußen einfach kalt war.
Der Winter hatte die Stadt im Griff und sie den Tag über mit einer dicken weißen Schicht aus Schnee überzogen.
Mit leisen Schritten ging er durch die Wohnhäuserschluchten, ohne ein Ziel zu haben. In seinem Kopf spielten Saxophone, Trompeten, Violinen, Kontrabässe und das Schlagzeug einen sanften Swingsound, den er vor sich her summte. Den Takt zu seinem Lied gab der knacksende Schnee unter seinen Schuhen an. Es war ein langsamer sanfter Takt der mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen auf den sich leerenden Straßen verbrachte, langsamer, ruhiger und auch melancholischer wurde.
Als er nun schließlich in die Morgan Street abbog, beschleunigte sich sein Schritt und der Takt wieder. Die Melancholie verflog und wich einer leichten Euphorie. Er näherte sich immer mehr dem Jazzklub. Dem Jazzklub, in dem er so viel Zeit wie nur möglich verbrachte, weil ihm die Musik so viel gab. Wo sie ihm Lebensfreude gab, Spaß und was für ihn das Wichtigste war: Wo sie ihn den harten Arbeitsalltag in der Fabrik, am Stadtrand vom Chicago der 1930er Jahre, vergessen ließ. So entfernte er sich immer mehr von seinem Arbeitsalltag und näherte sich dem Jazzklub, aus dem der Klang des Klaviers immer lauter und lauter wurde. Bis er schließlich vor dem Jazzklub stand.
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