Literature is the immortality of speech. — August Wilhelm von Schlegel


Geschichten getaggt mit »hell«

Straßenleben Einführung

26. September 2008 von Michael

Ich stehe gerne an meinem Fenster.
Ich lehne mich mit meinen Armen auf das mit alten Ornamenten bestickte Kissen und sehe aus dem Fenster. Man kann so viel entdecken, wenn man nur die Augen aufhält.
Das alte Foto an der Wand zeigt eine Szene in einer Pariser Straße. Es ist vergilbt und ich kenne die Herkunft des Fotos nicht. Von einem Flohmarkt habe ich es damals, ein sehr alter Herr hat es mir gegeben, als er mich mit meiner Praktica über den Flohmarkt schlendern sah.

Es ist erstaunlich, wie viel verschiedene Menschen es gibt. Fast scheint es so, als sei jeder Mensch ein Unikat. Aber das kann nicht sein, denn es gibt so viele falsche Menschen. Menschen, die andere imitieren oder sie kopieren. Doch ginge man nur nach dem Aussehen der Menschen so ist jeder ein
Unikat. Das erstaunt mich. Mir scheint, als gäbe es dafür auch keine wissenschaftliche Erklärung. Wenigstens fällt mir keine ein.
So sehe ich nun jedes mal, wenn ich aus dem Fenster sehe, so viele verschiedene Menschen und erfreue mich an der Vielfalt, die mir da geboten wird.

Alte Menschen, junge Menschen, sie alle laufen an meinem Fenster vorbei, über den Bürgersteig. Ich sehe sie manchmal hetzen, manchmal flanieren und schlendern. Dann sind sie entweder fröhlich, traurig, bedrückt, glücklich, beschwingt, kurz gesagt, ich kann alle Arten von Emotionen in ihnen sehen. Besonders schön ist es dann auch, wenn ich nicht bemerkt werde und sich die Leute nicht beobachtet fühlen. Dann erschrecken sie nicht und ändern blitzschnell ihren Ausdruck. Und mir bleibt ein wenig Zeit, um zu genießen, was ich sehe.
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Das Spielzeuggeschäft #1

23. September 2008 von Michael

In einer kleinen Gasse, so wie es sie nur zu Hauf in Paris um 1920 gab, befand sich ein kleiner Spielzeugladen. Dieser Spielzeugladen war schon in der zweiten Generation in Familienbesitz und die jetzige Besitzerin führte das Geschäft schon seit über fünfundzwanzig Jahren.
In dem winzigen kleinen Schaufenster des Ladens standen einige wenige Porzellanpüppchen und ein paar Möbel für Puppenhäuser. Sobald jemand das kleine Geschäft betrat, klingelte ein Glöcklein, dass über der Tür angebracht war und neue Kundschaft ankündigen sollte.
Die Einrichtung des Lädchens bestand aus einigen wenigen Regalen und zwei Vitrinenschränken. In den Regalen standen liebevoll geschriebene Kinderbücher. Hinter den Glastüren der Vitrinenschränke verbargen sich die wahren Schätze dieses Lädchens.
Sorgfältig ausgewählt standen winzige Teekannen, Tassen, Teller, kleine Schränkchen und Vitrinen für Besteck und jene Kannen, Tassen und Teller in den Vitrinenschränken. Dort standen auch ganze Puppenhäuser samt Einrichtung. Liebevollst wurden diese Häuser von der Ladenbesitzerin eingerichtet, als ob sie diese für ihre eigenen Kinder eingerichtet hätte. Die Liebe einer Mutter zeichnete diese Puppenhäuser aus und machten sie so einzigartig.
Doch die Besitzerin war keine Mutter, sie hatte keine Kinder und auch keine Mann, mit dem sie Kinder haben können würde. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Besitzerin so viel Herzblut in den Bau ihrer Puppenhäuser steckte. Doch niemand ihrer Käufer fragte jemals danach, wieso sie die
Heime so liebevoll und mit so viel Hingabe baute.

East side Cabaret

9. September 2008 von Michael

Das man in diesem Raum mitunter den besten Jazz der Stadt hören konnte, wussten wohl nur die Wenigsten. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag das wohl auch an der ungewöhnlichen Lage und an der Tatsache, dass es sich bei diesem Raum um eine Buchhandlung, eine sehr alte und urige Buchhandlung, handelte.
Der kleine Raum war an allen seinen Wänden mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, zugestellt. Die alten Regale aus dunkel gebeiztem Kirschholz waren an vielen Stellen schon abgenutzt, sodass man ihnen das Alter ansehen konnte. Aber sie verliehen dem Jazz aus diesem Lokal einen ganz besonderen Sound. Einen Sound, der die wenigen Glücklichen, die von dieser Quelle des guten Jazz überhaupt wussten, immer wieder in diese Bücherstube lockte. An jedem Mittwoch der Woche ab neun Uhr Abends trafen sich die talentiertesten Jazz-Musiker der Stadt zu einer Jam-Session in diesem Buchgeschäft an der Lower East side. In der Mitte spielten sie Saxophon, Trompete, Klavier und Schlagzeug. Das Kontrabass gab den Takt an und alle anderen folgten, wohin es auch immer gehen mochte.
Und die Hörer folgten den Musikern wohin sie wollten, oft bis spät in die Nacht. Im Sommer kam es daher manchmal vor, dass es schon wieder hell wurde und die Sonne über dem East River aufging, ehe die Gäste, das waren die Zuhörer eigentlich nicht mehr, da sie eine geschlossene Stammhörerschaft bildeten, den kleinen gemütlichen Buchladen verließen und die Jazzmusiker
in ihren verdienten Schlaf entließen.
Dann war es Zeit für den Inhaber dies Horts brillianter Jazzmusik, seinen Laden für ein paar Stunden zu schließen, bis die ersten Käufer kamen, in das East side Cabaret.
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You’re a lucky guy

6. September 2008 von Michael

Er kam sich so unbedeutend vor in dieser Schlucht aus Wohnhäusern im Art Déco Stil. Auf der Straße schlichen nur ein paar wenige Autos vorbei, ganz anders als es sonst üblich war. Aber das lag wohl daran, dass es schon nach sieben Uhr abends war, die meisten Menschen zu Hause saßen, bei ihren Familien, und daran, dass es draußen einfach kalt war.
Der Winter hatte die Stadt im Griff und sie den Tag über mit einer dicken weißen Schicht aus Schnee überzogen.
Mit leisen Schritten ging er durch die Wohnhäuserschluchten, ohne ein Ziel zu haben. In seinem Kopf spielten Saxophone, Trompeten, Violinen, Kontrabässe und das Schlagzeug einen sanften Swingsound, den er vor sich her summte. Den Takt zu seinem Lied gab der knacksende Schnee unter seinen Schuhen an. Es war ein langsamer sanfter Takt der mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen auf den sich leerenden Straßen verbrachte, langsamer, ruhiger und auch melancholischer wurde.

Als er nun schließlich in die Morgan Street abbog, beschleunigte sich sein Schritt und der Takt wieder. Die Melancholie verflog und wich einer leichten Euphorie. Er näherte sich immer mehr dem Jazzklub. Dem Jazzklub, in dem er so viel Zeit wie nur möglich verbrachte, weil ihm die Musik so viel gab. Wo sie ihm Lebensfreude gab, Spaß und was für ihn das Wichtigste war: Wo sie ihn den harten Arbeitsalltag in der Fabrik, am Stadtrand vom Chicago der 1930er Jahre, vergessen ließ. So entfernte er sich immer mehr von seinem Arbeitsalltag und näherte sich dem Jazzklub, aus dem der Klang des Klaviers immer lauter und lauter wurde. Bis er schließlich vor dem Jazzklub stand.
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Ohne Titel 4

5. September 2008 von Michael

Das Spiegelbild der Bäume der anderen Seite verschmolz mit den Bäumen auf seiner Seite. Dieser Anblick verleitete ihn zum träumen.
Er legte seinen Kopf nach hinten und lehnte sich gleichzeitig mit ihm an die Fensterscheibe des Zuges. Er sah diese Bäume, die von der einen und die von der anderen Seite, die zusammen in einem großen gesamten Kunstwerk verschmolzen.
Die Zeit stand still und doch raste er mit einer unheimlichen Geschwindigkeit durch die Landschaft, vorbei an diesen Kunstwerken. Er genoß es. Als ob er mitten in einem riesigen, sich ständig wandelnden Kunstwerk befand.
Mit jedem Augenschlag aber endete eines dieser Kunstwerke und ein neues begann sich vor ihm abzuspielen.
Ihm wurde klar, dass sich vor ihm das Leben abspielte. Jedes dieser Kunstwerke war ein Lebensabschnitt. Und er befand sich mitten in einem dieser Abschnitte.
Er fühlte sich zeitlos.