Der große Platz, vor dem Theater, mitten in der Stadt, ist das Fenster in den Himmel. Es ist der Freiraum in der Bedrängnis der Stadt. Die Sauerstoffblase in dem Meer aus Menschen und schlechter Luft. Der Puffer zwischen den Reibeisen der Zeit.
Geschichten getaggt mit ‘Intermezzo’
Frühlingsrausch
14. März 2009 von MichaelHerbstlaub liegt im Busch. Ihm fällt diese Sonderheit erst jetzt auf, als er durch die Straße vor dem großen Wohnhaus schlendert. Eigentlich, so fühlt es sich für ihn an, ist jetzt Frühling.Â
Die Luft die ihn umgab roch nach frischen Blüten, den jungen Blättern an den Bäumen und nach der Erde, die von der stärker werdenden Sonne erwärmt wurde. Genüsslich zog er sie durch seine Nase und inhalierte sie. Die Luft war ihm fast schon zu schade zum ausatmen. Doch der Wunsch nach dem erneuten Genuss der frischen warmen Luft ließ ihn die Luft doch noch wieder preisgeben.Â
Die Sonne hüllte ihn in ein wohlig warmes Gefühl von Geborgenheit. Je länger er durch die Straße ging, desto wohler fühlte er sich. Nur als ein frischer Windzug durch sein langes Haar wehte, fröstelte es ihn. Ein kalter Schauer lief ihm an den Armen entlang. Gänsehaut überzog seine Arme und seine Beine.
Dem kalten Windzug folgte die Verdunkelung der Sonne durch vorbeiziehende Wolken. Hohe tiefweiße Cumuluswolken schoben sich zwischen ihn und die Sonne. Ein frischer kalter Wind zog durch die Straße und wirbelte einige vertrocknete Herbstblätter durch die Luft. Er fühlte sich wieder an den gerade erst vergangenen Winter erinnert. Schlagartig schien die Temperatur abzunehmen und ihm wurde kalt. Seine Stimmung schwankte und drohte sich in Trauer zu verwandeln.
Doch just in diesem Augenblick verzog sich die Wolke und gab den Weg zwischen ihm und der Sonne wieder frei. Es war wieder Frühling
Downtown Chicago
5. Januar 2009 von MichaelMit einer unglaublichen Ruhe fuhren er sie durch die dunkle Straßen des 1930er Chicago. Nur das orangefarbene Licht der Straßenlaternen erhellte die Umgebung. Das Fenster zu seiner Linken hatte er einen Spalt geöffnet damit der Rauch seiner Zigarette abziehen konnte. Es war ein frischer Abend im Herbst, der Abend des achtzehnten September. Die Uhr an seinem linken Arm zeigte sechs Uhr siebenundzwanzig am Abend.
Aus dem Radio schallte “I’ll never be free” von Louis Jordan & His Tympany Five und es versetzte ihn in eine wehmütige Stimmung. Er dachte an seine Frau und seine Tochter die vermutlich beide in diesem Augenblick zu Abend aßen. Und er dachte daran, wie er in ungefähr zwei Stunden nach Hause kommen würde, seiner Frau eine Kuss gab und ihr erzählte, dass es wieder so ein ganz normaler harter Tag gewesen sei. Mit keinem Wort wollte er ihr erzählen, was er gleich tun würde. Seine Frau wusste natürlich, in welchem Milieu er tätig war und sie konnte auch vermuten, was er dort den ganzen Tag über tat. Aber sie sprachen nie darüber. Er wollte seine Frau nicht belasten und sie wollte es gar nicht erst wissen. Für die Tochter ging der Vater jeden Tag in einer Fabrik arbeiten. Sie fand dies schon langweilig genug und fragte deshalb nicht weiter nach.
Alle drei Partner die mit ihm im Auto saßen hielten es wahrscheinlich ähnlich mit ihren Familien und ihrem Beruf. Es war eben einfach so.
Und so bog er nun nach rechts in die North Carpenter Street ein. Nach gut fünfzig Metern fuhr er den Wagen an die Seite, hielt an und schaltete den Motor und das Licht ab. Er schmiss noch schnell seinen Zigarettenstummel aus dem Fenster ehe er es schloss und mit den drei anderen Männern aus dem Wagen stieg. Sie sammelten sich um dann in den kleinen Laden auf der anderen Straßenseite zu gehen. Ihre Mäntel wehten im leichten Herbstwind.
Sie klopften nicht an, als sie den Laden betraten. Nur das Glöckchen über der Tür verriet ihre Ankunft. Und es verriet auch wieder ihr Verlassen. Nachdem einer der Männer den Blut verschmierten Baseballschläger in den Kofferraum geworfen hatte fuhren sie wieder los. Er fuhr noch alle Männer nach Hause, da sie alle in der Nachbarschaft wohnten. Schließlich kehrte auch er nach Hause. Die Uhr zeigte acht Uhr neunundzwanzig als er die Wohnungstür aufschloss.
Alter Mann
30. September 2008 von MichaelEin alter einsamer Mann stand dort an Deck dieses riesigen Dampfschiffs. Nebelschwaden, feiner Nieselregen und die kühle Morgenluft hingen schwer über dem Schiff.
Der Mann lehnte sich an die Reling und zog an seiner Pfeife. Kleine Rauchwolken stiegen empor und vereinigten sich mit dem Nebel.
Er ließ den Blick schweifen, hinaus in den Nebel, hörte wie sich das Schiff durch das Meer schob und dabei schwer schnaufte. Es herrschte eine bedrückende Stille.
Gemächlich drehte er sich um und ging ein Deck tiefer in seine Kabine. Erschöpft von der frischen Morgenluft sank er auf sein Bett.
Der alte Mann nahm ein in Leder gebundenes Buch, schlug es auf und begann darin zu lesen.
Jeden Tag eine Seite, ein Kapitel aus dem Tagebuch. Dem Tagebuch seiner Frau.
Das Spielzeuggeschäft #2
24. September 2008 von MichaelEinige, die trotz allem ein wenig Achtung für die Schöpferin übrig hatten, erfreuten sich an den großen sowie kleinen Häuschen. Sie erfreuten sich auch an der Wärme, die in dem kleinen Geschäft herrschte, wenn sie sich im Winter, durchgefroren von den verschneiten Straßen Paris, hinein in den Laden flüchteten.
Dann tauchten sie ab in eine Welt, in der alles vollkommen und intakt ist. In der es keine menschliches Leid gab, keine Schmerzen, nur die pure Schönheit der Puppenhäuser. Der Puppenhausladen war für die Menschen eine Quelle der Zerstreuung. Eine sehr willkommener Brunnen der Ablenkung und Verdrängung in einer Welt voll Schmerz, Trauer und Missmut.
Die Besitzerin des Spielzeugladens kannte diese Welt nicht, denn sie lebte in ihren zwei kleinen Zimmerchen direkt über dem Laden. In völlliger Einsamkeit, ohne Kontakt zu anderen Menschen. Der einzige Kontakt, den sie zu Menschen hatte, waren ihre Kunden mit denen sie üblicherweise auch nicht viele Worte wechselte.
Mit ihren perfekten Puppenhäusern und den dazu gehörigen ebenso perfekten Teilen, bildete sie nur ihre eigene perfekte kleine Welt ab, denn die Erschafferin kannte gar keinen Schmerz und Einsamkeit.
Schmerz, dass bedeutete für die Besitzerin einzig und allein, keine Puppenhäuser mehr bauen zu können. Denn das war die einzige Passion der Schöpferin und alles, was ihr in ihrem Leben heilig war.
Einsamkeit, das bedeutete für sie nichts. Absolut nichts. Einsamkeit war kein Begriff für die Besitzerin des Spielzeuggeschäfts.
War. Jetzt ist es.