Ein Schriftsteller in einer Bibliothek ist etwas das selbe wie ein Eunuch in einem Harem. — John Braine


Geschichten getaggt mit »Jazz«

Downtown Chicago

5. Januar 2009 von Michael

Mit einer unglaublichen Ruhe fuhren er sie durch die dunkle Straßen des 1930er Chicago. Nur das orangefarbene Licht der Straßenlaternen erhellte die Umgebung. Das Fenster zu seiner Linken hatte er einen Spalt geöffnet damit der Rauch seiner Zigarette abziehen konnte. Es war ein frischer Abend im Herbst, der Abend des achtzehnten September. Die Uhr an seinem linken Arm zeigte sechs Uhr siebenundzwanzig am Abend.

Aus dem Radio schallte “I’ll never be free” von Louis Jordan & His Tympany Five und es versetzte ihn in eine wehmütige Stimmung. Er dachte an seine Frau und seine Tochter die vermutlich beide in diesem Augenblick zu Abend aßen. Und er dachte daran, wie er in ungefähr zwei Stunden nach Hause kommen würde, seiner Frau eine Kuss gab und ihr erzählte, dass es wieder so ein ganz normaler harter Tag gewesen sei. Mit keinem Wort wollte er ihr erzählen, was er gleich tun würde. Seine Frau wusste natürlich, in welchem Milieu er tätig war und sie konnte auch vermuten, was er dort den ganzen Tag über tat. Aber sie sprachen nie darüber. Er wollte seine Frau nicht belasten und sie wollte es gar nicht erst wissen. Für die Tochter ging der Vater jeden Tag in einer Fabrik arbeiten. Sie fand dies schon langweilig genug und fragte deshalb nicht weiter nach.

Alle drei Partner die mit ihm im Auto saßen hielten es wahrscheinlich ähnlich mit ihren Familien und ihrem Beruf. Es war eben einfach so.
Und so bog er nun nach rechts in die North Carpenter Street ein. Nach gut fünfzig Metern fuhr er den Wagen an die Seite, hielt an und schaltete den Motor und das Licht ab. Er schmiss noch schnell seinen Zigarettenstummel aus dem Fenster ehe er es schloss und mit den drei anderen Männern aus dem Wagen stieg. Sie sammelten sich um dann in den kleinen Laden auf der anderen Straßenseite zu gehen. Ihre Mäntel wehten im leichten Herbstwind.

Sie klopften nicht an, als sie den Laden betraten. Nur das Glöckchen über der Tür verriet ihre Ankunft. Und es verriet auch wieder ihr Verlassen. Nachdem einer der Männer den Blut verschmierten Baseballschläger in den Kofferraum geworfen hatte fuhren sie wieder los. Er fuhr noch alle Männer nach Hause, da sie alle in der Nachbarschaft wohnten. Schließlich kehrte auch er nach Hause. Die Uhr zeigte acht Uhr neunundzwanzig als er die Wohnungstür aufschloss.

East side Cabaret

9. September 2008 von Michael

Das man in diesem Raum mitunter den besten Jazz der Stadt hören konnte, wussten wohl nur die Wenigsten. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag das wohl auch an der ungewöhnlichen Lage und an der Tatsache, dass es sich bei diesem Raum um eine Buchhandlung, eine sehr alte und urige Buchhandlung, handelte.
Der kleine Raum war an allen seinen Wänden mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, zugestellt. Die alten Regale aus dunkel gebeiztem Kirschholz waren an vielen Stellen schon abgenutzt, sodass man ihnen das Alter ansehen konnte. Aber sie verliehen dem Jazz aus diesem Lokal einen ganz besonderen Sound. Einen Sound, der die wenigen Glücklichen, die von dieser Quelle des guten Jazz überhaupt wussten, immer wieder in diese Bücherstube lockte. An jedem Mittwoch der Woche ab neun Uhr Abends trafen sich die talentiertesten Jazz-Musiker der Stadt zu einer Jam-Session in diesem Buchgeschäft an der Lower East side. In der Mitte spielten sie Saxophon, Trompete, Klavier und Schlagzeug. Das Kontrabass gab den Takt an und alle anderen folgten, wohin es auch immer gehen mochte.
Und die Hörer folgten den Musikern wohin sie wollten, oft bis spät in die Nacht. Im Sommer kam es daher manchmal vor, dass es schon wieder hell wurde und die Sonne über dem East River aufging, ehe die Gäste, das waren die Zuhörer eigentlich nicht mehr, da sie eine geschlossene Stammhörerschaft bildeten, den kleinen gemütlichen Buchladen verließen und die Jazzmusiker
in ihren verdienten Schlaf entließen.
Dann war es Zeit für den Inhaber dies Horts brillianter Jazzmusik, seinen Laden für ein paar Stunden zu schließen, bis die ersten Käufer kamen, in das East side Cabaret.
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You’re a lucky guy

6. September 2008 von Michael

Er kam sich so unbedeutend vor in dieser Schlucht aus Wohnhäusern im Art Déco Stil. Auf der Straße schlichen nur ein paar wenige Autos vorbei, ganz anders als es sonst üblich war. Aber das lag wohl daran, dass es schon nach sieben Uhr abends war, die meisten Menschen zu Hause saßen, bei ihren Familien, und daran, dass es draußen einfach kalt war.
Der Winter hatte die Stadt im Griff und sie den Tag über mit einer dicken weißen Schicht aus Schnee überzogen.
Mit leisen Schritten ging er durch die Wohnhäuserschluchten, ohne ein Ziel zu haben. In seinem Kopf spielten Saxophone, Trompeten, Violinen, Kontrabässe und das Schlagzeug einen sanften Swingsound, den er vor sich her summte. Den Takt zu seinem Lied gab der knacksende Schnee unter seinen Schuhen an. Es war ein langsamer sanfter Takt der mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen auf den sich leerenden Straßen verbrachte, langsamer, ruhiger und auch melancholischer wurde.

Als er nun schließlich in die Morgan Street abbog, beschleunigte sich sein Schritt und der Takt wieder. Die Melancholie verflog und wich einer leichten Euphorie. Er näherte sich immer mehr dem Jazzklub. Dem Jazzklub, in dem er so viel Zeit wie nur möglich verbrachte, weil ihm die Musik so viel gab. Wo sie ihm Lebensfreude gab, Spaß und was für ihn das Wichtigste war: Wo sie ihn den harten Arbeitsalltag in der Fabrik, am Stadtrand vom Chicago der 1930er Jahre, vergessen ließ. So entfernte er sich immer mehr von seinem Arbeitsalltag und näherte sich dem Jazzklub, aus dem der Klang des Klaviers immer lauter und lauter wurde. Bis er schließlich vor dem Jazzklub stand.
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