Ein Schriftsteller in einer Bibliothek ist etwas das selbe wie ein Eunuch in einem Harem. — John Braine


Geschichten getaggt mit »Mädchen«

Ohne Titel 5

10. September 2008 von Michael

Das Haar gab der bewegenden Luft nach. Es gab auch der Schwerkraft nach, denn es hing gerade nach unten. Wären die Haare kürzer gewesen, wäre es wohl niemandem aufgefallen. Doch die Haare gingen ihr normalerweise bis zur Schulter. Das Haar war blond, nicht sehr hell, aber auch nicht dunkel. Manchmal sahen ihr die Menschen auf der Straße nach, wenn sie an ihnen vorbei ging und sich ihr Haar, fast so wie jetzt, dem Wind beugte und mitschwang. Nur eben nicht kopfüber.
Die Menschen von den Straßen sehen ihr nun auch nicht mehr wegen ihrer Schönheit nach. Ihre Haut ist dafür nun viel zu blass. Man sieht ihr die Kälte an. Die Menschen von den Straßen würden sie sicher nicht beachten, vielleicht sogar wegsehen, wenn sie könnten.
Aber sie sehen nicht weg. Denn es fesselt sie, wie sie da nun kopfüber, mit ganz blasser Haut, vom Baum hängt. Die Straßenmenschen sehen sie gierig entsetzt an. Gierig mustern sie sie, obwohl sie nicht mehr so schön ist, wie sie es noch gestern gewesen war. Sie ist nicht mehr schön. Sie ist tot.

Wenn es endet

8. September 2008 von annique

Früher, wenn mein Magen wieder so unglaublich schmerzte, dass es mich auf die Knie gezwungen hätte, wenn ich es zugelassen hätte, dachte ich oft daran, mich dem Hunger hinzugeben und zu kapitulieren. Doch wenn ich dann von den Soldaten Sandwiches, belegt mit Käse und Erdnussbutter, in die Hände gedrückt bekam, fing ich wieder an zu hoffen. Ich brachte das Essen nach Hause zu meinen Geschwistern, die schon am Fenster standen und mich erwarteten. Oft trieb es mir Tränen in die Augen, wenn ich mit leeren Händen kam. Meine Mutter kümmerte sich, sie hatte während des Krieges in einer Fabrik gearbeitet, danach keinen Anschluss mehr gefunden. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft, wir hörten nichts von ihm, gaben aber die Hoffnung nicht auf. Ich arbeitete eine Zeit bei einem Bauern, verdiente zehn Mark im Monat. Das Geld musste ich bei meiner Mutter abgeben, sie kaufte Seife und Kleider für uns. Dann starb der Bauer. Ich fing bei einem Zahnarzt an, bekam zwanzig Mark im Monat. Auf dem Weg zur Arbeit kam ich immer an der Villa vorbei, in der die Offiziere wohnten. Einmal schnitten sie die Hecke, ich schaute sie an und sie schenkten mir eine Apfelsine und eine Tafel Schokolade. Manchmal bekam ich auch einen Donut, welchen ich ganz allein für mich behielt. Als ich eines Abends im Winter wieder an der Villa vorbeikam, stand einer der Offiziere draußen und rauchte eine Zigarre. Auf Englisch sprach er mich an, ich verstand nichts, lächelte aber. Er machte eine einladende Handbewegung auf das Haus zu und ich ließ mich darauf ein. Ich war wie geblendet, als wir die Empfangshalle betraten. Er wies auf eine Treppe, die hoch ins zweite Stockwerk führte. Ich folgte ihr und betrat den angrenzenden Raum. Es war ein schöner Raum, die Decke zierte Stuck und ein niedriger Kronleuchter. Ich konnte es kaum glauben, aber es gab sogar einen Spiegel. Es war ewig her seit ich mich das letzte Mal im Spiegel betrachtet hatte. Ich stellte mich davor, meine dunklen Haare waren zum Zopf gebunden, meine Strickjacke braun und die Wangen rosig. Er stellte sich hinter mich und begann meine Knöpfe aufzuknöpfen.Mein Herzschlag beschleunigte sich, bu-bumm,bu-bumm. Was hatte ich schon zu verlieren? Vielleicht würde für mich ja sogar etwas rausspringen. Ich verließ das Haus mit einer Dose Erdnussbutter, einem Stück Seife, 100 Mark und dem Gefühl, endlich etwas erreicht zu haben.