Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen verdorbener werden. — Johann Wolfgang von Goethe


Geschichten getaggt mit ‘Tribut’

East side Cabaret

9. September 2008 von Michael

Das man in diesem Raum mitunter den besten Jazz der Stadt hören konnte, wussten wohl nur die Wenigsten. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag das wohl auch an der ungewöhnlichen Lage und an der Tatsache, dass es sich bei diesem Raum um eine Buchhandlung, eine sehr alte und urige Buchhandlung, handelte.
Der kleine Raum war an allen seinen Wänden mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichen, zugestellt. Die alten Regale aus dunkel gebeiztem Kirschholz waren an vielen Stellen schon abgenutzt, sodass man ihnen das Alter ansehen konnte. Aber sie verliehen dem Jazz aus diesem Lokal einen ganz besonderen Sound. Einen Sound, der die wenigen Glücklichen, die von dieser Quelle des guten Jazz überhaupt wussten, immer wieder in diese Bücherstube lockte. An jedem Mittwoch der Woche ab neun Uhr Abends trafen sich die talentiertesten Jazz-Musiker der Stadt zu einer Jam-Session in diesem Buchgeschäft an der Lower East side. In der Mitte spielten sie Saxophon, Trompete, Klavier und Schlagzeug. Das Kontrabass gab den Takt an und alle anderen folgten, wohin es auch immer gehen mochte.
Und die Hörer folgten den Musikern wohin sie wollten, oft bis spät in die Nacht. Im Sommer kam es daher manchmal vor, dass es schon wieder hell wurde und die Sonne über dem East River aufging, ehe die Gäste, das waren die Zuhörer eigentlich nicht mehr, da sie eine geschlossene Stammhörerschaft bildeten, den kleinen gemütlichen Buchladen verließen und die Jazzmusiker
in ihren verdienten Schlaf entließen.
Dann war es Zeit für den Inhaber dies Horts brillianter Jazzmusik, seinen Laden für ein paar Stunden zu schließen, bis die ersten Käufer kamen, in das East side Cabaret.
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