Denn Kunst ist nichts anderes als Gestaltung mit beliebigem Material. — Kurt Schwitters


Geschichten getaggt mit »Winter«

Jahreszeiten

10. Oktober 2009 von Michael

Der Herbst marschiert
linkszwodreivier
mit festen Schritten
auf die Türe zu bis
zu geschlagen sie
ihm vor der Nase wird

Der Winter marschiert
linkszwodreivier
mit festen Schritten
auf die Türe zu bis
zu geschlagen sie
ihm vor der Nase wird

Der Frühling marschiert
linkszwodreivier
mit festen Schritten
auf die Türe zu die
mit breitem Lächeln sie
ihm aufgehalten wird

Der Sommer marschiert
linkszwodreivier
mit festen Schritten
auf die Türe zu die
mit breitem Lächeln sie
ihm aufgehalten wird

Winterwunderland

20. Dezember 2008 von Michael

Das winterliche Paris war kein Ort, an dem man sich zu dieser Zeit, freiwillig noch hätte herumtreiben wollen. Dennoch gab es einige arme Menschen, die kein warmes Heim hatten, keine Kleider, die sie warm hielten, geschweige denn eine warme Tasse Kakao. Diese armen Menschen kauerten in Hauseingängen, unter Brücken oder in der weihnachtlich geschmückten Bahnhofshalle.
Antoine saß eingewickelt in seine Decke auf dem kalten Bahnhofsboden. Der Boden war so glatt und sauber, dass er sich darin spiegeln konnte. Aber Antoine mochte sich nicht ansehen, denn in seinem Spiegelbild war keine Spur von Weihnachten zu erkennen.
Vor langer Zeit, so kam es ihm zumindest vor, hatte der Krieg Antoine von seiner Familie getrennt. Als Veteran war er eingezogen worden um sein Land zu verteidigen.
Ihm blieb keine Zeit, sich zu verabschieden, denn er war von einem Offizier früh morgens einfach mitgenommen worden. Nach ein paar Wochen geriet er in Gefangenschaft und nur seine Hoffnung, einmal zu seiner Familie zurück zu kehren, hielt ihn lebendig. Im ersten Jahr schrieb Antoine jede Woche einen Brief nach Hause. Nie erhielt er eine Antwort. Er wusste nicht, ob seine Briefe jemals ankamen, denn er musste sie immer aus seinem Gefangenenlager schmuggeln. Nach zwei Jahren dann schrieb er nur noch zu den Geburtstagen, seine Hoffnung, jemals eine Antwort zu bekommen, hatte Antoine praktisch verloren.
Vier lange Jahre kehrte er dann nicht nach Hause, hatte keinen Kontakt und sorgte sich um Frau und Kinder.
Antoine nach Paris zurückkehrte waren seine Frau und Kinder weg. Einfach verschwunden, keine Nachricht, kein Brief. Antoine wusste nicht wohin seine Familie verschwunden war. Er wusste auch nicht ob sie überhaupt noch lebten, ob sie verschleppt worden waren oder ob seine Frau einen neuen Mann gefunden hatte. Zu Tode betrübt irrte Antoine durch Paris auf der Suche nach seiner Familie. Unermüdlich suchte er die Stadt ab, doch er konnte sie einfach nicht finden.
Und so strandete Antoine irgendwann in der großen Bahnhofshalle. Völlig perspektivlos, hoffnungslos, leblos.
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Ohne Titel 6

9. Dezember 2008 von Michael

Jeden Tag fährt er mit dem Bus an der Universität vorbei. Der Mann in der Blüte seiner Jahre saß üblicherweise am Fenster in seinem braunen Cordjackett. Während der Fahrt sah er aus dem Fenster und beobachtet das Treiben auf und um die Straßen.
Jeden Tag, kurz hinter der Universität, fährt er an dem Friedhof vorbei. Aus dem Fenster sah er durch den Friedhofszaun und durch die blattlosen Büsche einen schwarzen marmorierten Grabstein. Den Grabstein der Frau Tetor.

Ihm war ganz und gar nicht bewusst, wer diese Frau Tetor war. Er kannte keinen Vornamen, keinen Geburtsnamen, nur ihren Familiennamen. Auch das war nicht sicher, war Tetor überhaupt der Name ihrer Familie? Hatte sie eine Familie? Er wusste nichts über die Unbekannte.
Ob er etwas über die Frau Tetor herausfinden konnte? Wenn gleich ihn so viele Fragen beschäftigten, der Bus fuhr einfach weiter und riss ihn aus den Gedanken.

Die Menschen auf den Straßen haben sich in ihre Zwiebelhäute aus Stoff gehüllt um der Kälte zu entkommen. Andere sind gar nicht erst nach draußen gekommen und daheim in ihren warmen Wohnungen geblieben. Dort trinken sie dann heißen Kakao und lesen gemütlich ein Buch.
Er hatte ein bisschen Mitleid mit den frierenden Menschen, denn er saß in dem beheizten Bus und musste nicht frieren. Sein Mitleid verpuffte allerdings schlagartig, wenn er aus dem Bus stieg um von der Haltestelle nach Hause zu gehen. Seine Füße schmerzten vor Kälte dank des eisigen Schnees unter seinen Schuhen.
Als er schließlich mit taubgefrorenen Füßen zu Hause ankam, ließ er sich nur noch in den Sessel im warmen Wohnzimmer fallen. Der Schnee und das Eis draußen schienen ihm seine Kraft geraubt zu haben. Um sich zu entspannen und neue Kräfte zu sammeln, schlug er die Zeitung des Tages auf und blätterte ein wenig in ihr.
Nichts Interessantes, nur das selbe jeden Tag. Auf der vorletzten Seite standen die Todesanzeigen, die er sonst nie beachtete. Und auch heute wollte er sie nicht beachten, doch ihm fiel eine Anzeige beim Umblättern ins Auge. Die Todesanzeige von Anneliese Tetor. Geboren am 17.3., gestorben am
10.3., nur eine Woche vor ihrem Geburtstag. Für einen kurzen Augenblick stieg Trauer in ihm empor. Es machte ihn traurig, dass die arme Frau Tetor nicht noch einmal ihren Geburtstag feiern konnte.
Wieder fiel ihm auf, dass er eigentlich nichts über die Unbekannte Frau wusste. Ob sie ihren Geburtstag überhaupt mit irgendjemandem hätte feiern wollen oder können? Wieder beschäftigten ihn Fragen und er konnte keine Antwort auf sie finden. Es frustrierte ihn. Zu gerne hätte er diese unbekannte Frau Tetor kennen gelernt. Sie hätten beide zusammen Kaffee trinken, Kuchen essen und sich unterhalten und kennenlernen können. Er spürte, wie er wütend wurde. Auf niemanden speziell, einfach nur blinde Wut erfasste ihn, weil er so vieles nicht mehr mit Anneliese Tetor erleben konnte.

Ein paar Tage später, am 17.3., stieg der Mann in der Blüte seiner Jahre in den Bus, fuhr bis zum Friedhof und legte einen Strauß Blumen auf das Grab der Anneliese Tetor, gestorben am 17.3.

You’re a lucky guy

6. September 2008 von Michael

Er kam sich so unbedeutend vor in dieser Schlucht aus Wohnhäusern im Art Déco Stil. Auf der Straße schlichen nur ein paar wenige Autos vorbei, ganz anders als es sonst üblich war. Aber das lag wohl daran, dass es schon nach sieben Uhr abends war, die meisten Menschen zu Hause saßen, bei ihren Familien, und daran, dass es draußen einfach kalt war.
Der Winter hatte die Stadt im Griff und sie den Tag über mit einer dicken weißen Schicht aus Schnee überzogen.
Mit leisen Schritten ging er durch die Wohnhäuserschluchten, ohne ein Ziel zu haben. In seinem Kopf spielten Saxophone, Trompeten, Violinen, Kontrabässe und das Schlagzeug einen sanften Swingsound, den er vor sich her summte. Den Takt zu seinem Lied gab der knacksende Schnee unter seinen Schuhen an. Es war ein langsamer sanfter Takt der mit jeder weiteren Minute, die er dort draußen auf den sich leerenden Straßen verbrachte, langsamer, ruhiger und auch melancholischer wurde.

Als er nun schließlich in die Morgan Street abbog, beschleunigte sich sein Schritt und der Takt wieder. Die Melancholie verflog und wich einer leichten Euphorie. Er näherte sich immer mehr dem Jazzklub. Dem Jazzklub, in dem er so viel Zeit wie nur möglich verbrachte, weil ihm die Musik so viel gab. Wo sie ihm Lebensfreude gab, Spaß und was für ihn das Wichtigste war: Wo sie ihn den harten Arbeitsalltag in der Fabrik, am Stadtrand vom Chicago der 1930er Jahre, vergessen ließ. So entfernte er sich immer mehr von seinem Arbeitsalltag und näherte sich dem Jazzklub, aus dem der Klang des Klaviers immer lauter und lauter wurde. Bis er schließlich vor dem Jazzklub stand.
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